Stereotypen.

Niemand will Stereotypen lesen. Aber jeder liebt sie. Oder wie anders ist es zu erklären, dass wir unsere Mitmenschen ständig in Kategorien einteilen? Warum gibt es bei „Mitten im Leben“ keine ambivalenten Charaktere und warum sind alle Ausländer Messerstecher? Warum sind alle Dicken verfressen und alle Blondinen dumm, alle Griechen faul und alle Anzugträger gewissenlos? Warum hält jeder die anderen für blöd und sich selber für den Meister der Weisheit?

Wo wir in Wirklichkeit so vielschichtig sind: Meine Kollegin, die lieb ist und empathisch und trotzdem keine Flüchtlinge will. Die Bekannte, die Metal hört und bis oben hin tättowiert ist und sich nichts mehr wünscht, als ein Baby. Die eine bestimmte Person, die brav wie ein Lamm ist und dann unerwartet plötzlich in die Luft geht wie die Brausetabletten-Rakete aus dem Yps-Heft.

Was wäre, wenn ich irgendwann ein Buch über mein Leben schriebe. Würde ich es schaffen, die Leute, mit denen ich viel Zeit verbracht habe, ambivalent darzustellen? Sehe ich mehr als nur ein, zwei Persönlichkeitsmerkmale oder habe ich alle längst in Schubladen gesteckt? Was ist mit mir selbst, wie würde ich dabei wegkommen? Sähe ich bei mir nur die guten Eigenschaften, würde ich Schwächen als Stärken verkaufen oder schaffte ich es, mir einzugestehen, dass auch ich Seiten an mir habe, die andere zum Kotzen finden?

Wieviel Toleranz können wir… kann ich aufbrigen, wenn ich einem Menschen plötzlich nicht mehr nur vor den Kopf schaue, sondern er mir seine Gedanken bereitwillig mitteilt? Ein Autor soll auch seinen Antagonisten menschlich darstellen. Als eine Person, die man unter anderen Umständen mögen könnte. Die man vielleicht sogar tatsächlich mag, obwohl man weiß, dass es Dinge an ihr gibt, die man so nicht tolerieren kann.

Denn so sind die Menschen. Sie sind nicht stereotyp. Ein Blick hinter die Fassade kann erleuchten, beglücken, erschüttern. Oft ist er eine Bereicherung, auch wenn die Festen des Glaubens an sich und den Anderen wanken. Zeit, auch in sich selbst zu gehen. Habe ich nicht auch ein stereotypes Bild von mir selbst? Nehme ich mich so wahr, wie ich nach Außen wirke? In welcher Schublade stecke ich? Ist es sicher darin, oder wäre es besser, unberechenbar zu sein?

Nein, nicht unberechenbar. Vielschichtig. Ne Handvoll Shades of Myself, die sich ruhig überlagern und durchschimmern dürfen.

Erschüttert, immer noch. Wegen dem, was sie gesagt hat? Oder meine Reaktion darauf?

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